Wie aus unechten Models und echter Kollektion eine virtuelle Fashion-Strecke wurde
Unsere neue Ausgabe 02/2026 ist da – und sie ist unser bisher mutigstes Experiment.
Die Cover-Stars AYLIN & NAIMA gibt es nicht. Kein Studio, keine Location, kein echtes Model wurde fotografiert. Was echt ist? Die Kollektion MEMORY OF MATTER von Agnes Jacobi. Jedes Teil ein Unikat.
Im Interview erzählen Agnes und Olga Evangelou von The O.KI Agency, wie daraus eine Kampagne wurde.

Das Titelbild ist Programm – wie wird aus unechten Models eine echte Kollektion?
AGNES: Das war für mich eine ganz besondere Erfahrung. Ich hatte meine reale Kollektion MEMORY OF MATTER – jedes Teil ein Unikat – und plötzlich konnte ich meine Gedanken komplett in die Tat umsetzen. Ich konnte mir das Model selbst ausdenken, das perfekt zu dieser Kleidung passt. Welche Ausstrahlung hat sie? Welche Persönlichkeit verkörpert sie? Und in welcher Welt bewegt sie sich? Diese Freiheit, nicht ein vorhandenes Model zu buchen, sondern den Charakter selbst zu erschaffen, war der Ausgangspunkt.
OLGA: Genau das ist der Kern. Wir haben nicht mit Technik angefangen, sondern mit klassischen Fragen eines Mode-Shootings: Welche Models passen zu den Kleidungsstücken? Welches Gefühl soll die fertige Strecke vermitteln? Die Kleidung ist real, die Models haben wir eigens für dieses Projekt konzipiert.

Zwei Models, die es im echten Leben nicht gibt – wie findet man die?
AGNES: Wie bei einem echten Casting. Wir haben überlegt, welche Persönlichkeiten meine Kollektion glaubwürdig verkörpern können. Was für Frauen tragen MEMORY OF MATTER? Daraus haben wir verschiedene Entwürfe entwickelt und gemeinsam zwei fiktive Models ausgewählt, die am besten zur Ästhetik und Botschaft passen.
OLGA: Beide bilden keine real existierenden Personen ab. Sie wurden eigens für diese Strecke kreiert. Erst als wir wussten, wer sie sind, haben wir entschieden: Welches Model trägt welchen Look? Welche Location, welche Pose, welche Stimmung? Wir haben ein Storytelling entwickelt, das die Aufnahmen zu einer zusammenhängenden Kampagne verbindet. Erst dann kam die technische Umsetzung mit KI.
Und wo kommt die KI ins Spiel? Ist sie dann der Fotograf?
OLGA: Die KI ist ein Werkzeug – nicht der Creative Director. Sie kann in kurzer Zeit zahlreiche Bildideen sichtbar machen. Aber sie entscheidet nicht selbstständig, welche Bildwelt zu einer Marke passt oder welche Aufnahme eine Geschichte erzählt. Diese Entscheidungen treffen weiterhin Menschen. Meine Aufgabe bei The O.KI Agency war, die echte Kleidung in diese virtuellen Welten zu überführen und dafür zu sorgen, dass Models, Kleidungsstücke und Bildsprache über die ganze Strecke konsistent bleiben.
AGNES: Und das ist die größte Herausforderung. Ein einzelnes schönes KI-Bild ist heute einfach. Deutlich schwieriger ist es, dass das Model wiedererkennbar bleibt und meine reale Kleidung originalgetreu dargestellt wird. Die Stoffe, Muster und Details meiner Unikate dürfen durch die KI nicht beliebig verändert werden. Die Technologie soll das Design inszenieren – nicht ein neues Kleid daraus machen.
Wie oft funktioniert ein Bild dann wirklich?
OLGA: Ein gutes Ergebnis entsteht selten beim ersten Versuch. Bei uns waren es im Schnitt vier Varianten pro finalem Motiv – das ist unsere Erfahrung aus diesem konkreten Projekt. Manchmal verändert die KI den Schnitt, Stoffe fallen anders, Hände wirken unnatürlich. Deshalb gehört die kritische Auswahl genauso zur Arbeit wie die Erstellung selbst.
Damit seid ihr nicht allein in der Branche.
OLGA: Überhaupt nicht. Mango hat 2024 eine Teen-Kampagne mit generativer KI veröffentlicht, H&M präsentierte im Juli 2025 seine ersten Kampagnen mit sogenannten Digital Twins – also digitalen Abbildern realer Models. Zalando berichtete im Mai 2026, dass inzwischen 90 Prozent seiner Marketinginhalte in App und Website mit KI erstellt werden. Es gibt also viele Wege: mal fiktive Models wie bei uns, mal digitale Zwillinge, mal werden klassische Aufnahmen erweitert.
Was bedeutet das für Models und Kreative?
AGNES: Die Sorge, dass sich bestimmte Bereiche verändern, ist berechtigt und man sollte sie nicht beschönigen. Besonders standardisierte Produktaufnahmen könnten künftig öfter virtuell produziert werden.
OLGA: Gleichzeitig zeigt unser Projekt: Ein KI-Shooting entsteht nicht ohne menschliche Kreativität. Jemand muss die Marke verstehen, die Models entwickeln, Ergebnisse beurteilen und Fehler erkennen. Je einfacher es wird, ein ästhetisch ansprechendes Bild zu erzeugen, desto wichtiger werden eine eigenständige Idee und eine wiedererkennbare Markenwelt.
Für wen ist das Modell also besonders spannend?
OLGA: Für alle Designer und Marken, die eine klare Vision haben und sie frei umsetzen wollen. Man kann eine reale Kollektion in ganz unterschiedlichen Bildwelten zeigen und eine Idee erst einmal visuell testen. Das ersetzt kein klassisches Shooting – reale Models und echte Orte haben weiterhin ihren eigenen Wert. Es ist einfach ein zusätzlicher, sehr kreativer Weg.






https://theokiagency.com/referenzen/ki-kampagne-fashion-guide-magazin