Transnormal - Damenboutique für HERREN

Manuela Mock gehört zu den Menschen, die man nie wieder vergisst. Eine Erscheinung! Das wasserstoffblonde Haar ist auf kunstvolle Weise, gegen alle Mühen der Gravitation, hagelfest gen Sternenhimmel betoniert.

Wie hat sich der alltägliche Ablauf für Dich verändert? Mein Ablauf beinhaltet nun noch mehr Laufen. Ich gehe früher schlafen und bin morgens dann mehrere Stunden per pedes im schönen Frankfurt unterwegs. Auf meinen Streifzügen habe ich tolle neue Menschen kennengelernt, die hätte ich ohne die Corona-Krise nie zu Gesicht bekommen, weil ich zu diesen Uhrzeiten ja meistens in meinem Laden bin und bei Bedarf arbeite. Dafür bin ich schon dankbar, dass ich zum Beispiel so coole ältere Herrschaften wie den Gerhard und die Eva getroffen habe.

Was vermisst Du in Deinem Tagesablauf ganz besonders? Ich vermisse nichts. Ich erwarte ja auch nie etwas. Weil Erwartung oft geplante Enttäuschung bedeutet. Ich lebe meist in jeden neuen Tag mit Neugier hinein.

Fehlen Dir öffentliche Auftritte auf den großen Veranstaltungen? Und wenn ja, welche ganz besonders? Die habe ich in dem Moment, in dem ich morgens aus dem Federbett steige und mich inszeniere. Da wird toupiert, gemalt und gepudert und ab geht es auf die Bühne: Der Spaziergang ,das ist für mich ein Event und so, wie ich spazieren gehe, ein Abenteuer. Große Events fehlen mir nicht, ich habe schon so viel gesehen und erlebt. Mit großen Stars bin ich gereist und durfte in den unterschiedlichsten Ländern Partys besuchen. Von Hollywood bis Dubai, von Mühlheim bis nach Las Vegas. Ganz ehrlich, die damalige Qualität gibt es fast nirgends mehr. Ich habe Frank Sinatra erlebt und viele mehr. Der Glamour und Glanz sind weitgehend zu Grabe getragen worden. Exklusivität ist leider dem Gewöhnlichen und den Schnellschüssen gewichen. Der Rummel gibt mir nichts, und der rote Teppich ist auch nur ein Stück Stoff. Ich bin keine Society-Lady, aber ich habe Ansprüche an menschliche Qualitäten. Überall wird an den falschen Enden gespart, ich gebe lieber mehr aus für Privatsphäre, persönliche Widmungen und Qualitätszeit.

Wie klappt es bei Dir mit der Kommunikation mit Familie und Freund*Innen? Mit meinen Freunden bin ich nach wie vor eng verbunden. Das Wort „Freund“ ist seit Beginn der Facebook-Zeit ebenfalls inflationär. Wenn Du einen guten Freund hast, bist Du reich. Ich bin Milliardär! Bist Du abhängig von Handy, Internet & Co.? Oder verzichtest Du jetzt auch mal darauf (digital diet)? Abhängig bin ich von nichts. Wenn mein Elektrokram den Abgang macht und der Bildschirm ist dunkel, wen juckt’s? Mich jedenfalls nicht. Ich habe Briefpapier, schreibe mit Füllfederhalter – Verabredungen mache ich fest in meinem tollen Kalender von Schreibwaren Fleischhauer im Bahnhofsviertel.

Bist Du zuhause eher leger gekleidet oder legst Du Wert auf ein stylisches Outfit? Wenn ich alleine zuhause bin, dann ziehe ich mich gut an. Es könnte ja klingeln. Bei mir hängt keine Jogginghose unten im Schrank oder liegt auf der Chaiselongue. Außerdem steht mir das nicht. Und ich möchte mir stets gefallen. So trage ich manchmal Abendkleider daheim zu meinem eigenen Vergnügen, lege tolle Musik auf von Eartha Kitt und tanze. Auch eine musikalische Playbackshow vor dem Spiegel inszeniere ich mir manchmal mit der Stimme, die ich gerne habe. Dann tue ich so, als wäre es meine eigene. Das ist geil! Probiere es aus, Du wirst sehen, dass es Dich super positiv motiviert.

Die Geschäfte sind teilweise geöffnet, welchen Shop hast Du als ersten besucht (oder willst Du besuchen)? Ich war in keinem Geschäft. Auf meinem Spaziergang nach Sachsenhausen habe ich aber sofort meine Freunde Leonid und Matthias besucht. Sie haben ein kleines feines Modelabel, dort findet man sehr schöne Sachen. Sie haben mir sogar per Post eine handgearbeitete Maske gesendet. Mitsamt meinem Kussmund drauf gestickt und rot/schwarz wie ich es liebe. Leider habe ich sie verloren. Ich könnte mir in den A… beißen, überall habe ich gesucht.

Du bist ein kreativer Mensch – hast Du neue Ideen für die Zeit nach Corona? Meine neuen Ideen verrate ich nur ansatzweise. Transnormal – meine Damenboutique für den Herrn – ist ja in erster Linie ein Transvestitenladen. Wir planen nun liebevoll kleine Events, Lesungen, auch kann man bald spezielle Reisen für die Kunden zusammenstellen. Exklusive Ausflüge zu Orten, die man nicht in Reiseführern findet. Lustige Gesellschaften, private Feiern im kleinen Kreis. Wir suchen gerne die Künstler aus, stellen Programme zusammen und geben dem eingefahrenen Trott neue Impulse. Es wird alles auf den jeweiligen Kunden zugeschnitten. Ob allein oder mit Freunden. Und wer keine Freunde hat, der findet hier garantiert welche bei Events. Alt und Jung … alle willkommen. Transnormal eben. Man muss nur herzensoffen sein , dann ergibt sich ein schöneres Leben.

Leider werden in Hessen die Künstler und andere Kreative bisher finanziell nicht oder wenig unterstützt. Welche Stelle nehmen diese Menschen Deiner Meinung nach in der Gesellschaft ein? Wie wichtig sind sie für uns? Künstler sind sehr wichtig für eine intakte Gesellschaft. Kein Zirkus ohne Clown. Kein Lied ohne Sängerin oder Sänger. Kein Bild ohne Maler, kein Gedicht ohne Dichter, kein Tanz ohne Tänzer, kein Ulk ohne Nudel. Soll ich noch was dazu sagen? Charlie Rivel, Helene Fischer, Van Gogh, Goethe, Fred Astaire, Ingrid Steeger – sie alle sind berühmt geworden, weil sie etwas können. Sie unterhalten uns jeder auf seine Art. Nun kann nicht jeder berühmt sein, das wäre Quatsch. Aber der Mensch geht ohne Unterhaltung ein wie eine Primel. Das kleine Theater, der Alleinunterhalter, der Zauberer, die Nähe und das Erlebnis mit Freunden und Familie. Das gemeinsame Lachen und auch Weinen. Das ist lebensnotwendig. Auch wer einsam ist, kann sich von Kunst unterhalten lassen. Auch ins Kino gehen, da ist man wenigstens unter Leuten. Dabei rede ich jetzt nicht von Netflix und auf der Couch hocken mit Kippe, Cola und Pizza. Das ist kein Erlebnis, eher eine emotionslose Schreckstarre mit gesundheitlichen Folgen.

Glaubst Du, dass die Mode-Branche besonders schwer betroffen sind und sehr zu kämpfen haben, um durch die Krise zu kommen? Die Modebranche hat sich mit einer rasanten Geschwindigkeit verändert. Zum Nachteil. Man könnte bei dem fliegenden Wechsel glauben, wir hätten 24 Jahreszeiten. Ich hoffe, dass viele Firmen umdenken und nachhaltiger produzieren. Ich hoffe, dass die modebewussten Menschen hinterfragen, unter welchen Bedingungen ihre Wegwerfmode angefertigt wird. Und ob man so etwas mit Stolz tragen kann. Wir brauchen nicht so viel, es ist genug vorhanden. Mögen die Kreativen und Besten überleben. Von Dreck kommt Dreck. Und von gut kommt gut. Mir ist die Branche wurscht, ich kaufe Second-Hand und mein schönstes Abendkleid ist zwanzig Jahre alt. Das sieht tip top aus, so wie ich. Bei besonderen Gelegenheiten lasse ich etwas schneidern oder leihe es mir aus. Das kann ein Accessoire sein oder auch ein Pelz. Dazu stehe ich. Für mich macht es einen großen Unterschied, ob ein Mensch fünfmal die Woche billiges Fleisch isst, oder ob ich einmal im Monat einen wertvollen Saga Nerz trage, der vierzig Jahre und länger hält. Für meine leeren Schultern stirbt nur ein Tier. Für die vollen Bäuche sterben täglich Millionen.

Was wirst Du nach Corona als erstes tun? Nach Corona? Ab in den Flieger nach Hollywood zu meiner großen Liebe fliegen. Das mache ich einmal im Jahr. Weil er es mir wert ist. Und wenn ich kein Geld habe, dann fliegt er halt zu mir oder wartet, bis ich genug gespart habe für einen ordentlichen Flug. Wer liebt, hat Geduld und nimmt sich Qualitätszeit. Ich bin nur einmal in meinem Leben mit einem Billigflieger unterwegs gewesen aus Unwissenheit. Das war mir eine Lehre, das ging ja auch schief. Wie man dann in der BILD-Zeitung lesen konnte (Ingrid Steeger und Manuela Mock stranden in Ungarn). Tschau miau 😉

 

http://www.transnormal.de

Fotos: Angela Kropp

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